Esoterisch 1

Im Gegensatz zu vielen meiner Bekannten kann ich mich sehr detailiert an meine Kindheit erinnern. Mehr noch bin ich sogar der Überzeugung über bewusste Erinnerungen aus dem Mutterleib und frühesten Säuglingsalter zu verfügen.

Ungefähr im Alter von vier oder fünf Jahren machte ich das erste Mal Bekanntschaft mit “eigenartigen Erlebnissen”. Eines schönen Schultages während der Grundschulzeit brachte ich nachmittags eine Freundin mit nach Hause. Als uns irgendwann die Ideen ausgingen nahm ich mir das dickste Buch, das ich besaß, schlug es willkürlich auf und begann spontan als “Wahrsagerin” meiner Freundin  eine Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen.

Es ging in dieser Geschichte um ihre Oma. Erstaunt und teilweise schockiert fragte sie mich, woher ich all das wüsste. Einige Zeit lang dachte ich sie würde mich veralbern als sie meinte, dass die Geschichte, die ich mir eben ausgedacht hatte wahr sei. Wir stritten  sogar darüber. Bis sie ernsthaft beleidigt war, dass ich ihr nicht glauben wollte.

Ein anderes Mal wachte ich nachts auf, lief weinend zu meiner Mama und fragte sie, wann Oma und Opa sterben würden und weshalb Opa früher als Oma sterben würde. Sie fragte mich, wie ich darauf käme und beschwichtigte mich mit der Aussage, dass wir gar nicht genau wissen oder sagen könnten wann ein Mensch stirbt.

Kurze Zeit nach meinem neunten Geburtstag verstarb mein Großvater.

Tod

Als Kind wurde mir beigebracht es wäre egoistisch Sätze mit “Ich” zu beginnen und von sich selbst zu sprechen. Jedoch, wie sonst könnte ich über Gefühle sprechen?

Aus Unwissenheit wurde in meiner Kindheit und Familie generell wenig über persönliches Empfinden oder Gefühle gesprochen. Es herrschte die Meinung: “Du hast Gefühle? Dann geh zum Arzt!” Diese zwei Faktoren erschwerten die familiäre Kommunikation und den persönlichen Austausch.

Die tief-greifensten Gespräche, “über Gefühle”, in unserer Familie gab es an dem Tag als mein Opa verstarb. An diesem Tag hörte ich das erste Mal bewusst den Satz: “Ich bin traurig und wie geht es dir, wie fühlst du dich?” Wobei diese Frage nicht, wie üblich, auf irgendeine materielle Leistung, in der Schule oder Keyboardunterricht abzielte sondern wahrhaftig auf die gefühlte Befindlichkeit.

Bereits einige Zeit zuvor hatte meine Mutter mit mir ein Gespräch über Großvaters Gesundheit geführt. Ohne direkte Fakten zu formulieren, erklärte sie mir, es wäre gut würde ich mehr Zeit bei ihm verbringen. Schließlich, wüssten wir niemals wie oft wir noch die Gelegenheit dazu hätten…

Wirklich ernst nahm ich diese Bitte nicht. Jedoch hatte mir ein Gefühl gesagt, dass es in ihren Worten um die “noch verbleibende Zeit” ging. Heute meine ich, ich hatte dieses Gefühl einfach  verdrängt.

Was sagst du einem Menschen, der aufgrund von Schmerzen nur noch auf der Couch liegen kann?

Einst ein aktiver stattlicher Mann war mein Opa, gezeichnet von seiner Krankheit, zu einem hilfebedürftigen Greis geworden. Zwei oder drei Mal war ich der Bitte meiner Mutter nachgekommen und hatte mich für eine Stunde zum ihm ins Wohnzimmer gesetzt. Erst sahen wir eine Weile fern. Dann bat er mich den Fernseher abzustellen und eine Schallplatte der Don Kosakken aufzulegen.

Wie fühlt sich ein Mensch der weiß, dass er stirbt? Wie fühlt sich ein Mensch, der den Tod bereits vor Augen hat,  weil er seinen eigenen Verfall sowie starke Schmerzen ertragen muss? Was hätte ich an dieser Stelle tun oder sagen können?