hüther

Prof. Gerald Hüther

>> Neurobiologe & Autor  <<

Interview mit Prof. Gerald Hüther (2015)

Gelernt habe ich irgendwann mal Biologe zu werden. Habe das studiert, habe dann Neurobiologie gemacht. Hirnforschung nennt man das heute in der Öffentlichkeit.

Nachdem ich da viele Jahre im Max-Planck Instituten und Wissenschaftlichen Einrichtungen gearbeitet habe, habe ich angefangen diese Erkenntnisse aus der Neurobiologie so zu übersetzen, dass sie ganz normale Leute da draußen verstehen können. Weil ich glaube das vieles was da in den letzten Jahren in der Neurobiologie zu Tage gefördert worden ist, sehr relevant ist für unser Leben, unser Selbstverständnis und vor allem unser Zusammenleben.

Ja mein Name ist Gerald Hüther. Ich bin Neurobiologe oder Hirnforscher, jedenfalls arbeite ich auf diesem Gebiet und versuche Erkenntnisse aus der Neurobiologie so zu übersetzen, dass sie im normalen Leben von normalen Menschen verstanden werden können. Und vielleicht auch ein bisschen umgesetzt…

Also wenn man ein bisschen zurückschaut in unserer eigenen Geschichte, dann stellt man fest das wir auch immer wieder, die Mehrheit der Bevölkerung oder bestimmte Kreise, maßgebliche Kreise der Bevölkerung, immer daran interessiert waren bestimmte Theorien und bestimmte Vorstellungen aufzugreifen. Die sind dann häufig von Wissenschaftlern entwickelt worden, mit deren Hilfe sie im Grunde ihre eigene Position in der Gesellschaft stärken konnten.

Also typischerweise die katholische Kirche, die dann Rom für den Mittelpunkt der Welt erklärt hat und alles ignoriert hat was es an modernen Erkenntnissen über die Astronomie gab, bis es sich nicht mehr länger halten ließ. Lange Zeit hat man es gut gefunden, und viele Menschen finden das ja heute noch gut, das man immer irgendeine Instanz findet, die für das verantwortlich ist, was wir hier auf den Erdball treiben. Das war dann lange Zeit in dem religiösen Kontexten war das eine Gottesvorstellung und dieser Gott hat dann in manchen Religionen dafür gesorgt das alles so war wie es ist.

Im Grunde genommen hat er uns ein wenig die Verantwortung abgenommen. Und das war ja auch gut so. Da gab es schlaue und dumme, und reiche und arme und das war alles Gottgewollt. Am Ende hat es demjenigen genützt, die in den besseren Positionen gewesen sind, weil sie das dann rechtfertigen konnten, warum sie mehr hatten, warum sie bessere Positionen hatten. Als dieses Modell sich auch nicht mehr richtig halten ließ, dann hat man eben wieder neues gesucht und ist bei den genetischen Programmen angekommen.

Da waren dann die genetischen Programme daran schuld, wenn es einer nicht gepackt hatte. Dann hatte er eben schlechte Anlagen, schlechte Intelligenz war angeboren. Dann konnte man auch Schulsysteme machen, mit denen man sehr früh versucht hat die Kinder mit den besseren Anlagen und deshalb den besseren Gehirn und höheren Intelligenz von denen auszuselektieren, die da weniger gute Anlagen hatten. Jetzt erst sind wir vielleicht das erste Mal in der Menschheitsgeschichte an einem Punkt gekommen, wo wir keinen mehr finden der uns beisteht und dem wir verantwortlich machen können, was wir hier auf dieser Erde anrichten können.

Und das ist ein sehr interessanter Punkt n dem wir da angekommen sind, ein Wendepunkt. Der lässt sich nicht mehr ohne weiteres durch Rückgriff auf die alten Vorstellungen nicht aus der Welt schaffen. Daher ist es sehr spannend wenn so eine Disziplin wie die Neurobiologie auf einmal zu der Erkenntnis kommt, dass das was diese hochkomplexen neuronalen Netzwerke aufbaut keine genetischen Programme sind. Die genetischen Programme liefern dieses Potential, das so etwas entstehen kann. Da werden eben viel mehr

Vernetzungen bereitgestellt. Das ist von den genetischen Programmen so organisiert, aber welche von diesen Vernetzungen stehen bleiben und welche stabilisiert werden und welche sich dann weiterentwickeln, das hängt eben davon ab was wir erfahren, was für Erfahrungen dieser betreffende Mensch macht. Man könnte sagen, wofür der sein Hirn dann auch praktisch benutzt. Das ist in jeder Familie eben anders.

Das ist in jedem Kulturkreis anders. Das ist auch schon vorgeburtlich anders, weil in der vorgeburtlichen Phase ist es vor allen Dingen was aus dem eigenen Körper kommt. Da sind es die aus dem eigenen Körper kommenden Signalmuster die im Hirn bestimmte Vernetzungen stabilisieren. Daher können wir heute sagen, dass jedes Kind mit einem einzigartigen Gehirn zur Welt kommt, weil sich dieses Gehirn anhand der aus dem eigenen Körper kommenden Signalmuster strukturiert hat. Weil jeder Mensch, und das ist genetisch anderen, Körper hat, bekommt auch jeder andere Massen, ein anderes Gehirn.

Aber es passt immer, es ist immer richtig. Und wenn man dann in die Welt hinauswächst dann könnte man ja im Grunde alles lernen. Wenn ich bei den Inuit großgeworden wäre, dann hätte ich auch gelernt 12 verschiedene Sorten von Schnee zu unterscheiden, oder bei den Amazonas Indianern wüsste ich 150 verschiedene Grüntöne zu unterscheiden und zu benennen. Also das Potential dafür haben wir alle einmal auf die Welt gebracht, aber es hat hier in Göttingen oder Thüringen keine Bedeutung gehabt das ich so viele Sorten Schnee oder Grün unterscheide. Da habe ich eben mit meinem Gehirn etwas anderes gelernt.

Das heißt dieses wunderbare Potential, mit dem alle Kinder zur Welt kommen, wird entsprechend der Erfahrung die sie im Hineinwachsen in diese Welt machen, unterschiedlicher Weise ausgeformt. Man kann dann nicht sagen besser oder schlechter, nur anders. Je nachdem worauf es ankommt.

Es gibt in der letzten Zeit immer mehr Physiker die sich dafür interessieren und die auch versuchen ihre Erkenntnisse, die aus der Quantenphysik kommen, auf die Herausbildung lebender Systeme anzuwenden. Da gibt es ein Prinzip was sich lohnt, das man es etwas genauer anschaut.

Das geht etwa so, dass jedes System, d.h. jedes System was aus verschiedenen Komponenten besteht, z.B. ein Sternenhaufen oder auch ein lebenden System wie eine Familie, organisiert die Beziehungen der Komponenten zueinander so lange, bis ein Zustand erreicht ist, in dem möglichst wenig Energie gebraucht wird um die Stabilität das betreffenden Systems aufrecht zu erhalten. Das ist spannend, weil das bedeutet das lebende System die ersten sind die gewissermaßen selbst die Energie erzeugen, die notwendig ist, damit sie ihre eigene Stabilität aufrechterhalten.

Wenn man das so rum denkt, dann wird plötzlich etwas deutlich das auch für unser Zusammenleben spannend ist: Im Hirn ist es ja so, dass das Hirn nicht beliebig viel Energie bekommt. Da ist die Halsschlagader und da geht nicht mehr durch und dann muss das Hirn mit dem zurechtkommen, was da oben ankommt. Daher kann sich das Hirn das nicht leisten das die Amygdala mit dem Hypocampus rumstreitet wer Recht hat.

Das würde viel zu viel Energie verbrauchen. In vielen Fällen erleben wir ja selbst wie das Gehirn dabei ist Energie zu sparen. Es macht uns ja nicht viel Freude Probleme zu haben und nachdenken wollen die meisten Leute auch nicht so gerne, weil das alles Energieverbrauch bedeutet. Also man könnte auch sagen das Hirn strukturiert die Beziehungen zu seinen Nervenzellen so, dass möglichst wenig Energieverbrauch nötig ist.

Menschliche Gemeinschaften machen das eigentlich auch, doch sie haben einen Trick gefunden, d.h. man kann sich die Energie die man braucht um das System aufrecht zu erhalten, auch von außen klauen. Also man könnte z.B. ein Familiensystem so ungünstig organisieren, und viele Familien sind ja so beschaffen das sie ständig im Streit miteinander liegen, das würde normalerweise dazu führen das System zerfällt.

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